Was ist ein Kunstharmonium?


Das Kunstharmonium (auch Harmonium d'Art, Konzertharmonium) ist sozusagen der "Steinway" unter den Harmoniums. Als Weiterentwicklung des französischen Druckluftharmoniums wurde es in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts "erfunden" und fand vor allem in den französischen Salons weite Verbreitung. Viele Komponisten schrieben heute fast vergessene Musik ausschließlich für dieses Instrument. (Noten) Die Expression ermöglicht durch Luftdruckänderung ein Crescendo bzw. Decrescendo der Töne, ohne die Tonhöhe zu beeinflussen.
Das wichtigste Merkmal ist die sogenannte Doppelexpression, mit der der Kunstharmonist mittels zweier Kniehebel über eine komplizierte pneumatische Anlage den Luftdruck beider Spiele (Hälften) des Kunstharmoniums separat steuern und diese somit unabhängig von der Anzahl der gezogenen Register dynamisch differenzieren kann.


Welche Register gibt es?


Wie das französische Druckluftharmonium hat auch die Tastatur des Kunstharmoniums einen Umfang von C-c''''. Die Teilung in Bass- und Discanthälfte ist zwischen e' und f'. Die Register 1 bis 4 gehen durchgehend über die gesamte Tastatur (entsprechend dem französischen Vierspiel), die 5 im Bass und 5 bis 8 im Discant sind die sogenannten Halbspiele, die jeweils nur in einer Hälfte vorkommen. Beide Spiele für sich genommen haben jeweils einen Klangraum von über 5 Oktaven!

Die Ziffern der Register werden für das Kunstharmonium in quadratischen Sigeln angegeben. Damit ist eine klare Differenzierung zum Druckluftharmonium (runde Sigel) und dem Saugluftharmonium (achteckige Sigel) möglich.

Harmoniumspezifische Spielarten:


  1. 1)Spiel im Bass                   2) Spiel im Discant                    3)Spiel über die gesamte Tastatur in einheitlicher Registrierung (1-4)


4) Wechselspiel zwischen Bass und Discant                           5) Teilungsspiel - verschiedene Registrierungen der beiden Hälften.


Oftmals liegen dadurch die tiefsten Töne in der rechten Hand des Harmonisten (im Discant), die höchsten links (im Bass)!

Was gibt es für Klangfarben?


Eine Besonderheit am Kunstharmonium ist, daß mit nur drei Primärfarben eine riesige Anzahl an Klangfarben geschaffen werden kann. Die kompositorischen Mittel dafür sind natürlich die Registrierung (daher ist jede original Kunstharmoniummusik auch registriert!), die Vertauschung der Lagen und Spiele, sowie die Benutzung von Hilfszügen, also nicht klingender Register, wie: Forte fixe, Forte expressif, Métaphone und der Percussion (Hammermechanik, die ein sehr präzises Ansprechen und staccato ermöglichen). Folgende Primärfarben stehen zur Verfügung:


A) Die weichen, vollen und dunklen Stimmen:               1 und 2

B) Die schärferen, hellen und leicht nasalen Stimmen:    3 und 4, sowie im Discant 5 und 7

C) Die Schwebestimmen mit zwei Zungenreihen:           5 im Bass, 6 und 8 im Discant

Warum setzte sich das Instrument nicht durch?


An den Möglichkeiten eines Kunstharmoniums lag es sicher nicht!

Dennoch hier einige Erklärungsmöglichkeiten, die in ihrer Gesamtheit das Kunstharmonium zum Verschwinden gebracht haben:


1) Das (Kunst-)Harmonium wurde und wird (sic!) von Organisten bekämpft, da es etwas kann, was selbst die größte Orgel nicht zustande bringt: Ein An- und Abschwellen des Tones!

2) Die massenhafte Verbreitung des sehr billig herzustellenden Saugluftharmoniums in Amerika und Deutschland. Diese Instrumente findet man heute noch oft in Friedhofskapellen etc.. Durch den nicht abschaltbaren Reservebalg sind sie für Musiker völlig ungeeignet und haben leider auch den Ruf der Druckluftinstrumente ruiniert.

3) Das Aufkommen der elektronischen Klangerzeugung und der Schallplatte. Vor allem die Nutzung des Kunstharmoniums als Orchesterersatz entfiel damit!

4) Der Preis. Durch die sehr hochwertige und aufwendige Fertigung war das Kunstharmonium für eine weite Verbreitung einfach zu teuer!

5) Die Zerstrittenheit der damaligen Harmoniumfabrikanten und Komponisten: Es gelang nicht, sich auf eine einheitliche Bauart oder eine Norm der Register zu einigen, jeder baute was er wollte, und Stücke für ein bestimmtes Harmonium waren auf einem anderen schon wieder nicht darstellbar!

6) Die Schwierigkeit des expressiven und doppelexpressiven Spiels.
Damals wie heute beherrschen nur sehr wenige diese Anforderungen:
Die Füße müssen treten (Expression), die Zehen zittern (Tremolo), die Fersen bedienen bis zu drei Hackenhebel, die Knie regeln die Doppelexpression, die Finger drücken die Tasten und ziehen dazwischen und oft auch gleichzeitig die Register! Zusätzlich lesen die Augen Noten, die oft durch die Vertauschung der Register und Spiele völlig anders klingen, als sie notiert sind.
Die Technik des Harmoniumspiels unterscheidet sich daher grundlegend von der des Klaviers oder der Orgel!